Wenn Banken zu Technologieunternehmen werden

Interview zwischen Florian Meiser (Head of CI/CD Champ, Commerzbank) und Dietmar Schmidt (CEO mexxon Gruppe)

Wann wird aus einer Bank ein technologiegetriebenes Innovationsunternehmen?
Florian Meiser gibt Einblicke in die digitale Transformation der Commerzbank mit besonderem Fokus auf Softwareentwicklung und den Einsatz generativer KI. Er zeigt, wie Produktivität, Organisation und Innovationsgeschwindigkeit zusammenhängen und warum technologische Exzellenz zur strategischen Kernfrage wird.

Das Interview ist Teil der Interview-Reihe zum Buch “Digital Society – Strategien, Innovationen und Plattformen in der Finanzbranche”. Florian Meisers Beitrag ist im genannten Sammelband erschienen, herausgegeben von Dietmar Schmidt, Marcus W. Mosen und Jürgen Moormann, Frankfurt School Forum.

Transkript:

Dietmar Schmidt:
Mein Name ist Dietmar Schmidt. Ich bin Gründer und Geschäftsführer der mexxon Gruppe und Herausgeber des neuen Buches “Digital Society” vom Frankfurt School Verlag. Die Digitalisierung schreitet voran, auch der Einsatz von künstlicher Intelligenz macht riesige Sprünge. Die Finanzbranche, insbesondere die traditionellen Banken, stehen vor der Mammutaufgabe, sich diesen neuen Gegebenheiten der Digital Society anzupassen. Ich freue mich heute mit dir, Florian Meiser, Managing Director der Commerzbank, über seinen Buchbeitrag in unserem Buch “Digital Society” zu sprechen. Worum geht es in deinem Beitrag, Florian, den du zusammen mit Dr. Jörg Oliveri del Castillo-Schulz, COO und Vorstand der Commerzbank, verfasst hast?

 

Florian Meiser: Erstmal schön dich hier im 57. Stock des Commerzbank Towers begrüßen zu dürfen, Dietmar, und an diesem schönen Buchprojekt mitwirken zu dürfen. Worum geht es in unserem Beitrag? Es geht um die heutigen Möglichkeiten moderner Softwareentwicklung, die schnell, sicher und in hoher Qualität beim Endkunden bereitgestellt worden sind. Hierfür gibt es mit CI/CD und einer DevOps Kultur – ich erkläre die Begriffe vielleicht mal ganz kurz.

CI/CD steht für Continuous Integation/ Continuous Deployment und beschreibt den Weg wie heute automatisiert Software entwickelt werden kann und DevOps im Prinzip das Zusammenwirken von crossfunktionalen Teams von Entwicklern und Betrieblern, um entsprechende Prozesse, Fähigkeiten und Mitarbeitenden an einer Stelle zu bündeln und das zu schaffen, was unter der erdrückenden Regulatorik manchmal kaum möglich erscheint. Wenn man darin erfolgreich sein möchte, Dietmar, dann ist es wichtig, dass man diese Sache gesamtheitlich angeht.

Genau das haben wir versucht in unserer Idee CI/CD CHAMP zu adressieren und unsere Erfahrung, wie wir das machen und wie wir da schon seit vier Jahren unterwegs sind, einfach mit anderen zu teilen.

 

Dietmar Schmidt: Wie siehst du denn diese Herausforderungen der Banken in der Zukunft? Wie sollte sich dann eine Bank in digitalen Gesellschaftsumfeldern positionieren?

 

Florian Meister: Ich glaube, die wichtigste Herausforderung, der man sich bewusst sein muss, ist der unfassbare Veränderungsdruck. Die Bedürfnisse ändern sich, die Demografie, Kostendruck, die erhöhte Cyber-Bedrohungslage weltweit, aber auch neue Technologien, um nur ein paar zu nennen. Da merkt man schon, da ist einiges, was zu meistern ist. Wenn man sich all diese Dinge anschaut, diese Probleme, die bewegen sich auf der digitalen Ebene der Gesellschaft. Wenn Banken überleben wollen, dann müssen sie heute ein technologiegetriebenes Innovationsunternehmen sein. Der Kunde will heute keine acht Monate mehr auf ein neues Feature warten, bis dahin hat er schon zweimal seine Bank gewechselt. Man muss schnell sein und darauf kommt es an.

 

Dietmar Schmidt: Ja ,das Kundenverhalten hat sich ja in den anderen Branchen auch verändert und das will der Kunde nach und nach auch bei den Banken natürlich haben. Wie kann denn die digitale Transformation der Finanzbranche gelingen? Kannst du ein paar Beispiele vielleicht nennen und so ein bisschen was aus dem Buch plaudern?

 

Florian Meiser: Wir haben vor knapp vier Jahren eine relativ umfangreiche agile Transformation organisatorisch von einer sehr zentralen IT zu einer dezentralen mit aber einer einheitlichen Governance vorgenommen und haben bewusst entschieden, dass wir autonome Teams wollen, die dort, wo das Wissen gebündelt ist, selber schnell Entscheidungen treffen können. Was man nicht vergessen darf, Dietmar, die agile Softwareentwicklung kommt aus der Softwareentwicklung. Zu oft erlebe ich, dass bei der Transformation einfach nur Wert auf die Methodik gelegt wird. Aber es kommt auf Technologie an und die Art und Weise, wie heute Software gefertigt wird, braucht einfach andere Methoden, Tools und vor allem ein anderes Mindset.

Wenn man sich Fintechs anguckt, die starten oft natürlich auf der grünen Wiese. Die haben junges, gut ausgebildetes Personal, eine offene Kultur und kämpfen nicht mit einer Legacy IT. Das macht sie schnell und wendig und genau hier, genau in dem Punkt müssen große Unternehmen investieren. Wir haben hier gesehen, wenn man da an der richtigen Stelle gesamtheitlich ansetzt, dass sehr schnell Erfolge möglich sind. Wir haben auch schon Preise gewonnen in dem Bereich und genau hier ist ein unfassbares Potenzial. Das ist genau das, was wir im Buch auch adressieren wollen.

 

Dietmar Schmidt: Spannend. Da ist was passiert bei der Commerzbank. Ich kann selbst sagen, in den 90ern gab es die Umstellung bei der Commerzbank von Host auf Client Systeme. Ich habe jetzt wieder das Gefühl, eine wesentliche Änderung ist, dass man mehr in Software, in End-to-End, in Kundenzentrierung denkt und entwickelt und transformiert. Du hast ja auch interessante Thesen zur Zukunft der Software in deinem Buchbeitrag erwähnt. Vielleicht kannst du uns da noch mal die eine oder andere schildern und verdeutlichen.

 

Florian Meiser: Ja, wir haben fünf Thesen für die Zukunft der Softwareentwicklung im Banken- und Versicherungsumfeld herausgearbeitet mit einigen Experten in ganz Europa. Ich möchte eine ganz besonders hervorheben. Das ist so ein bisschen auch die These, die die Gunst der Stunde gerade nutzt. Und zwar geht es da um KI, Machine Learning im Kontext und Softwareentwicklung. Als wir dieses Kapitel geschrieben haben, Dietmar, da gab es noch gar kein Chat GPT. Während der Zeit dieses Buchbeitrags, dass die Zukunft quasi jetzt hier sofort ist, das hätten wir auch nicht ahnen können. Umso schöner ist es. Wir haben auch schon einiges als Bank genau an der Stelle gemacht und unternommen. KI im Softwareentwicklungsprozess ist ein unfassbares Potenzial. McKinsey selbst hat gesagt, dass im Softwareentwicklungsbereich von Funktionalität und Monetarisierung, wo künstliche Intelligenz eingesetzt wird, im Softwareentwicklungsprozess den größten Effekt erzielen wird. Ich würde gerne mal aus dem Nähkästchen plaudern, Dietmar. Ich habe vor zwei Wochen mit einem unserer besten Entwickler hier in der Bank gesprochen. Wir haben seit einigen Monaten schon einen KI-basierten Programmierassistenten im Einsatz. Ich habe ihn gefragt, wie viel Prozent deine Produktivität wird dadurch gesteigert? Er hat mir gesagt 30%.

 

Dietmar Schmidt: Was, 30%? Das ist ja richtig viel. Das ist ein Riesenpotenzial.

 

Florian Meister: Das ist es und das zeigt, dass die Zukunft heute ist. Wie oft überlegt man wie kann man ein paar Prozent sparen an der Entwicklung? 30% – und das ist erst die erste Variante. Wir sind schon mit dem Hersteller dabei, die nächste Iteration dieses Programmiersystems zu pilotieren als einer der weltweit ganz wenigen Unternehmen, die da mitmachen dürfen. Ich kann jetzt schon sagen, das, was ich da gesehen habe, geht um ein Vielfaches hinaus. Das zeigt eben auch die Veränderung passiert sehr schnell, sie passiert jetzt. Die Zukunft ist schon heute.

 

Dietmar Schmidt: Spannende Eindrücke. Habt ihr auch das Gefühl, da ist ein Wandel, ein Technologie-Sicht-Wandel einer traditionellen Bank vorhanden? Speed ist wichtig, Kundenzentrierung, in Software denken, in Prozessen denken. Klar, natürlich auch die Compliance abholend. Aber seid gespannt: Der Artikel hat es in sich. Vielen Dank, Florian!

 

Florian Meiser: Sehr gerne, Dietmar. Schön, dass du da warst.