Interview zwischen Dietmar Schmidt, CEO mexxon Gruppe, Frank Lamsfuß, Vorstandsmitglied bei BarmeniaGothaer, und Jerome Claus, Bereichsleiter Unternehmerkunden Gesundheit bei BarmeniaGothaer, zu ihrem Beitrag „Simplicity als Erfolgsfaktor für Fusionen in der Versicherungsbranche“ im Sammelband „Digitale Dimensionen in der Finanzbranche – Intelligence, Resilience, Simplicity“ herausgegeben von Dietmar Schmidt, Marcus Mosen und Jürgen Moormann.
Transkript:
Dietmar Schmidt: Hallo, mein Name ist Dietmar Schmidt. Ich bin Co-Herausgeber des Buches „Digitale Dimensionen“ des Frankfurt School Forums zusammen mit Professor Moormann und Marcus Mosen. Und heute habe ich zwei spannende Autoren dabei mit dem Buchbeitrag „Simplicity als Erfolgsfaktor für Fusionen in der Versicherungsbranche“: Einmal den Frank und einmal den Jerome und ich überlasse euch gerne, dass ihr euch kurz vorstellt.
Frank Lamsfuß: Ja, hallo Dietmar. Ich bin Frank Lamsfuß, ich bin Mitglied im Vorstandsteam der BarmeniaGothaer Gruppe und verantworte dort die Ressorts Vertrieb Marketing und auch die IT und ich freue mich auf unseren Austausch.
Jerome Claus: Auch von mir „Hallo zusammen“ und vielen Dank für die Einladung, Dietmar. Ich bin Jerome Claus, verantworte die Zusammenführung unserer Vertriebe und seit kurzem Bereichsleiter bei BarmeniaGothaer.
Dietmar Schmidt: Klasse, dass es geklappt hat für euch beide, dass ihr heute hier seid und ein bisschen Insights geben könnt für euren Artikel. Ich habe ihn mehrfach gelesen und ich muss sagen, der Titel beschreibt stark die Versicherungsbranche von der Digitalisierungs-Thematik, Regulierung, sinkenden Erträgen, wo Druck ausübt auf der Marktsegmentierungsseite zu überbordender Komplexität führt.
Und ihr habt jetzt in dieser Phase die Fusion, seid ihr angegangen und ihr schreibt auch, dass es unausweichlich für den einen oder anderen ist. Warum rückt das Thema Simplicity in diesem Zusammenhang so stark in den Vordergrund?
Frank Lamsfuß: Ja, wie du richtig beschreibst, Dietmar, ist die Branche im Moment an einem Wendepunkt und Fusionen waren jetzt jahrelang kein Thema und in der letzten Zeit sehen wir ja, dass viele Marktteilnehmer über Konzentration, über Kooperation, über Fusionen nachdenken oder die auch durchziehen oder vollziehen. Das gilt nicht nur für Versicherungsunternehmen, sondern das gilt auch für andere Marktteilnehmer in unserem Markt. Und daran sieht man, dass der Transformationsdruck steigt.
Und gerade Simplicity hilft dann natürlich Strukturen zu vereinfachen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und nicht in der Komplexität des Marktes und der Fusionen letztendlich zu ersticken.
Dietmar Schmidt: Klingt spannend, Frank. Ich hebe da hervor, dass gerade Fusionen auf Augenhöhe wie in eurem Fall von Barmenia und Gothaer besonders anspruchsvoll sind, weil es eben nicht um Dominanz geht. Man bringt dem anderen nicht einfach bei, was man selbst macht, sondern die gegenseitige Integration steht im Vordergrund. Was unterscheidet da die Art und Weise wie gegenüber klassischen Übernahmen? Was ist da besonders bei euch?
Jerome Claus: Einen ganz wichtigen Punkt hast du schon benannt, Dietmar. Das ist tatsächlich das Thema Dominanz. Bei Fusionen auf Augenhöhe versuchen wir Partner wirklich partnerschaftlich miteinander umzugehen. Das heißt, wir stülpen keine Kultur über,
sondern wir kreieren eine gemeinsame Neue.
Wir fassen Organisation zusammen und fokussieren uns wirklich auf die Stärken, um wie gesagt was Neues zu kreieren. Das macht das Ganze ehrlicherweise anspruchsvoller, aber auch chancenreich. Das heißt, wir können gemeinsam neu gestalten und schaffen so eine Identität, hinter der wir uns alle versammeln können.
Dietmar Schmidt: Oh, klingt auch spannend, gerade der kulturelle Teil. Jetzt gehen wir noch mal eine Etage tiefer. Vor allem das Thema Vertriebsintegration ist ein entscheidender Prüfstein bei jeder Fusion, wie wir wissen. Und gerade hier kommen ja Konflikte, kulturelle Unterschiede und auch technische Themen hoch.
Welche typischen Stolperfallen habt ihr in der Praxis da beobachtet und wie hat euch da Simplicity in der Orientierung geholfen, um Friktion zu reduzieren?
Frank Lamsfuß: Ja, wie du schon richtig sagst, im Vertrieb kommt quasi die komplette Komplexität beider Häuser zusammen und wirkt auf den Vertrieb ein. Zeitgleich ist der Vertrieb aber einer der größten Erfolgsfaktoren dann auch des neuen gemeinsam fusionierten Unternehmens. Und wenn man vermeiden will, dass man sich nur noch mit sich selbst beschäftigt, muss man natürlich schnell eine Marktwirksamkeit erreichen. Und das macht den Vertrieb so besonders und auch so anspruchsvoll in Fusionsüberlegungen. Und diese Punkte, die muss man halt sehr, sehr aktiv adressieren. Und Jerome, dabei hat uns Simplicity schon durchaus geholfen, oder?
Jerome Claus: Genau, korrekt. Also Simplicity war ja für uns eher eine Methode. Das heißt, wir haben komplexe Sachverhalte vereinfacht, klare Strukturen dann gehabt und konnten so der ganzen Organisation Orientierung geben, um Akzeptanz und auch Vertrauen zu fördern.
Dietmar Schmidt: Das ist interessant: Die Methodik “Simplicity” zu nehmen als strukturellen Wettbewerbsvorteil, so höre ich das raus, als kulturelles Bekenntnis – was bedeutet das für euch? Ihr habt das jetzt für die Fusion verwendet, aber was bedeutet das für die langfristige Entwicklung der Versicherungsbranche, wenn man Simplicity darüber hinaus für die Skalierung und konkrete Funktionsprozesse, die später dauerhafte Steuerungsprinzipien, wenn man das auch noch anwendet für die Organisation, was seht ihr da für Chancen drin?
Frank Lamsfuß: Ja, für uns ist das extrem wichtig, weil am Ende ist es ja die konsequente Orientierung am Kunden und gerade das Thema Einfachheit in den Prozesswelten, in der Produktgestaltung, in der Kommunikation hilft uns natürlich extrem, Menschen zu adressieren, Menschenbedürfnisse im Markt zu adressieren und deswegen ist Simplicity für uns mehr als jetzt ein Effizienzprogramm. Es ist eher eine Art kulturelle Leitlinie, an der wir uns tagtäglich messen und an der wir uns auch in der Zukunft messen wollen. Und darüber glauben wir schon, dass wir ein Unterschied machen können in der Aufstellung des Unternehmens, weil wir ein sehr kundenorientiertes auf Service ausgerichtetes Unternehmen sind.
Dietmar Schmidt: Spannend. Jetzt habe ich noch eine Frage am Ende. Ihr habt ja schon eine spezielle Fusion, insbesondere jetzt in deinem Ressort Bank. Du hast sozusagen die Marktseite mit der Vertriebsseite und die IT. Ist das eher ein Vor- oder Nachteil aus Fusionssicht für dich und dein Team gewesen?
Frank Lamsfuß: Mal so, mal so. Ich glaube, in Summe ist es ein Vorteil, weil der große Vorteil ist, dass wir die Marktsicht, die Wirksamkeit unseres Unternehmens am Markt, also den Vertriebserfolg und damit auch die Kundenorientierung natürlich direkt im Ressort in die IT übertragen und dadurch ändert sich auch ein Stück weit die Perspektive in der IT und die Perspektive verändert sich in Richtung Kundenorientierung und ich glaube, das ist erstmal grundsätzlich ein Vorteil. Es hat natürlich auch einen Vorteil, wenn man das anders schneidet, aber da wir als Unternehmen sehr marktorientiert, sehr kundenorientiert aufgestellt sind, ist es glaube ich insgesamt Vorteil.
Dietmar Schmidt: Vielen Dank, Frank und Jerome für die Insights, insbesondere der differenzierte Blick und die Möglichkeit Simplicity zu Steuerungsfunktion bei Fusionen einzusetzen, die offensichtlich eine sehr gute erfolgreiche Fusion ist. Und alles weitere an Details gibt es natürlich für die Betrachter, wenn sie den Artikel lesen von euch beiden. An dieser Stelle: Der wird wahrscheinlich Anfang 2026 rauskommen, freue ich mich, dass ihr dabei wart. Danke für die Runde hier und bis dann.