Fusionen: Chancen, Risiken und Alternativen

Interview mit Dr. Gerrit Böhm und Dietmar Schmidt

Interview zwischen Dietmar Schmidt, CEO mexxon Gruppe, und Dr. Gerrit Böhm, Vorstandsvorsitzender Volkswohl Bund Versicherungen, zu seinem Beitrag „Fusionen: Chancen, Risiken und Alternativen“ im Sammelband „Digitale Dimensionen in der Finanzbranche – Intelligence, Resilience, Simplicity“ herausgegeben von Dietmar Schmidt, Marcus Mosen und Jürgen Moormann.

Transkript:

Dietmar Schmidt:
Hallo, heute sind wir zusammen mit Dr. Gerrit Böhm, Vorstandsvorsitzender des Volkswohl Bund Versicherungen und auch Lehrbeauftragter der Westfälischen Wilhelms Universität Münster. Wir freuen uns auf einen Artikel und wollen gerne natürlich verstehen, wie du deine konkreten Strategien und digitalen Transformationen verfolgst. Stell dich doch kurz mal vor.

 

Dr. Gerrit Böhm: Ja, das ist schnell passiert. Gerrit Böhm ist mein Name, seit 2007 bei den Volkswohl Bund Versicherungen, vorher in Münster Betriebswirtschaft studiert, hier in Dortmund unterschiedlichste Stationen durchlaufen und jetzt seit Mai diesen Jahres Vorstandsvorsitzender dieses wundervollen Versicherungsvereins.

 

Dietmar Schmidt: Danke, Gerrit. Und jetzt zum Buch: Intelligence, Resilience, Simplicity sind so die die Subthemen. Vor diesem Hintergrund, wie kann ein Versicherer in digitalen Umbrüchen Kurs halten? Ich weiß, dass du gerne Kurs hältst, zugleich aber auch nachhaltig wachsen. Wie machen wir das?

 

Dr. Gerrit Böhm: Ja, ich glaube, ein Schlüssel ist wirklich, dass man von den Problemen, von den Herausforderungen kommt, die man lösen möchte und nicht von der Technik als Selbstzweck. Also, der Lösungsraum, klar, der wächst stetig durch neue Technologie. Das muss man natürlich auf dem Schirm haben, das muss man mitkriegen, das darf man nicht verpassen. Aber ich finde, man sollte nicht sagen, ich führe jetzt KI ein, sondern man sollte sagen, ich möchte meine Betrugserkennung verbessern und dazu nutze ich jetzt KI. Das klingt vielleicht nach einer Kleinigkeit. Dieses Umdrehen ist aber meines Erachtens wirklich entscheidend. Was passiert, wenn man das andersherum denkt, kann man zum Beispiel, meine ich, beim Thema Agilität hier und da beobachten.

 

Dietmar Schmidt: Das andersherum denken, das macht ihr auch beim Thema Regulatorik. Die Anforderungen konkret messen, die Regulatorik und die Regulatorik nicht nur so als Belastung zu sehen, sondern vielleicht auch als Wettbewerbsvorteil zu nutzen. Kannst du ein paar konkrete Maßnahmen oder Beispiele erläutern, wie ihr das da in der Praxis macht? Und ich weiß, ihr seid praxisorientiert.

 

Dr. Gerrit Böhm: Ja, das stimmt. Danke dafür. Aber die praktischen Beispiele sind gar nicht so einfach. Ich finde, Regulatorik ist in der Tat vieles: Belastung, aber auch Markteintrittsbarriere und natürlich auch Chance. Nimm mal Solvency II, hat sinnvolle Themen mitgebracht. DORA tut das auch, bringt auch sinnvolle Themen mit. Ich habe nur nicht den Eindruck, dass wir den Sweetspot zwischen sinnvoller Regulatorik, die uns besser macht und formeller, vielleicht nicht ganz so sinnvoller Belastung, die vor allem kostet und die wertvolle Ressourcen bindet, die so bereits getroffen haben, um das politisch korrekt auszudrücken. Der letzte Punkt finde ich auch wird zu wenig thematisiert, meine ich. Diejenigen, die ich für formelles einsetzen muss, in der Zeit können die nicht das Kunden- oder Vertriebsfallerlebnis verbessern.

 

Dietmar Schmidt: Wir haben ja jetzt aktuell gestern wieder die Fusionsinformationen bekommen zwischen der Baloise und der Helvetia, vorher Stuttgarter und SDK und Gothaer Barmenia als prominentes Beispiel. Es stellt sich die Frage, wie kann sich da ein Versicherer positionieren? Du bist ja CEO, musst die Wettbewerbsfähigkeit erhalten und manche wollen nicht fusionieren, müssen nicht fusionieren, manche tun das. Was braucht es dafür, um die Stärken deines Ansatzes im Vergleich mal darzustellen? Wäre schön, das von dir zu hören.

 

Dr. Gerrit Böhm: Ja, zum Glück ist es nicht mein Ansatz, sondern unser Ansatz, hinter dem wir gemeinsam stehen. Aber zum Thema: Ich würde niemals behaupten, dass ein Weg stets überlegen ist. Ich bin mittlerweile ja doch ein paar Jahre dabei. Man sieht’s auch langsam und ich habe klar gelernt und verstanden, dass die Versicherungswirtschaft tatsächlich wahnsinnig vielfältig ist. Da ist Raum wirklich für unterschiedlichste Lösungsansätze und wir beim Volkswohl Bund, wir fühlen uns willens. Und ich darf glaube ich sagen, vor allem auch in der Lage dazu, die Herausforderung in Anführungszeichen jetzt alleine zu stemmen. Wir haben tolle Leute, die richtig Bock haben, wir haben gute Ideen und ich bin sehr zuversichtlich, dass uns das gelingt.

Im Übrigen finde ich das ganz interessant, dass sich die, das ist ja mittlerweile wirklich so, die die nicht fusionieren, müssen sich irgendwie dafür rechtfertigen, warum sie das denn nicht machen. Ich finde das auch mal ganz interessant, das umzudrehen und interessiert zu hinterfragen, ob denn eine Fusion wirklich das passende und vielleicht das einzige Mittel ist, ob es da nicht alternative Lösung hier und da gegeben hätte.

 

Dietmar Schmidt: Was wird aus deiner Sicht in den nächsten Jahren zum entscheidenden Faktor werden und Gamechanger für die Versicherungsbranche? Hast du da Ideen, Ansatzpunkte für uns? Was könnte dabei unterschätzt werden?

 

Dr. Gerrit Böhm: Ja, ich glaube, dass in ein oder zwei Jahren das Game, um in der Sprachwelt zu bleiben, in der Versicherungsbranche nicht so heftig

gechanged wird. Ich glaube, was relevant ist, sind eher so die stetigen, die langsamen Entwicklungen: Demografie, Kostenentwicklung, Kundenverhalten, Vertriebswegeentwicklung, IT-Modernisierung, Regulatorik, wie entwickelt sich das weiter? Ich finde, das sind viele Themen, die nicht so von heute auf morgen die Welt verändern, die sich aber unaufhaltsam, ich sage es mal brutal, so reinfressen, und die dann eben eine ganz enorme Relevanz über die Zeit dann auf unsere Geschäftsmodelle und unsere Branche haben. Deswegen ist es, glaube ich, nicht so, dass wir morgens aufwachen und sagen, ich habe einen Trend verpasst, der bringt mich um. Aber so sukzessive schleichend über Jahre kann man sicherlich auch das ein oder andere nicht sehen und deswegen gilt es da stets wachsam zu sein.

 

Dietmar Schmidt: Vielen Dank, Gerrit, hat Spaß gemacht. Freuen wir uns auf deinen Artikel im Buch. Freut euch drauf: Digitale Dimensionen. Bis dann.

 

Dr. Gerrit Böhm: Vielen Dank. Ciao, ciao.