Die digitale Health Journey der privaten Krankenversicherung

Interview mit Dr. Karsten Dietrich (Vorstand Personenversicherung, AXA Konzern), Kai Kuklinski (Vorstand Vertrieb, AXA Konzern) und Dietmar Schmdit (CEO mexxon Gruppe)

Gesundheitsdaten, Plattformen und neue Kundenreisen verändern die private Krankenversicherung grundlegend. Dr. Karsten Dietrich und Kai Kuklinski sprechen über datengetriebene Use Cases, internationale Informationsquellen und die Rolle von Transparenz und Regulierung. Das Interview gibt Einblicke in die Digital-Health-Strategie der AXA und die Zukunft vernetzter Gesundheitsökosysteme.

Dieses Autoreninterview ist Teil der Videoreihe zum Sammelband “Digital Society – Strategien, Innovationen und Plattformen in der Finanzbranche”, herausgegeben von Dietmar Schmidt, Marcus W. Mosen und Jürgen Moormann (Hg.) im Frankfurt School Forum.

Transkript:

Dietmar Schmidt:
Mein Name ist Dietmar Schmidt. Heute bin ich bei der AXA in Köln im Studio. Wir sind natürlich zu dem Thema Digital Society wieder unterwegs, das Buch, das mit der Frankfurt School dieses Jahr rauskommt. Ich selbst bin Inhaber und Gründer der mexxon Gruppe und darf heute begrüßen in Köln zwei Vorstände der AXA, einmal den Kai Kuklinski und den Karsten Dietrich. Ich darf euch heute ein paar Fragen zu eurem Buchartikel stellen, zur Digital Society. Aber am Anfang vielleicht stellt euch kurz vor. Willst du starten Karsten?

 

Dr. Karsten Dietrich: Mache ich sehr gerne. Karsten Dietrich mein Name. Ich bin verantwortlich für Lebens- und Krankenversicherung bei der AXA. Wir nennen das Personenversicherung. Von Hause aus Mathematiker und Kind der Versicherungsbranche mit Schwerpunkt der Krankenversicherung.

 

Kai Kuklinski: Kai Kuklinski, verantwortlich für alle Vertriebswege bei AXA in Deutschland. Seit vielen Jahren in der AXA Gruppe in verschiedensten Funktionen tätig.

 

Dietmar Schmidt: Es geht heute um den Begriff Digital Society. Was versteht ihr darunter? Wie ordnet ihr das zu? Vielleicht kann man da ein kurzes Statement von euch bekommen.

 

Dr. Karsten Dietrich: Digital Society ist für mich in der Versicherung erstmal nichts anderes als in der Gesellschaft an sich. Wir haben Digitalisierung an allen Ecken und Enden unseres Lebens. Das gilt auch für uns in der Versicherungsbranche, insbesondere wenn ich auf unsere Wertschöpfungskette gucke: Vertrieb, Kundenbearbeitung oder Kundenservice, Leistungsbearbeitung, das ist alles digitaler geworden. Das bietet für uns natürlich auch viele Chancen. Mit Schwerpunkt Krankenversicherung haben wir aber auch ein paar besondere Möglichkeiten, die sich durch die Digitalisierung ergeben zum Wohle unserer Kunden und Kundinnen. Mein Lieblingsbeispiel Hautkrebserkennung via App. Ich kann mit dem Handy filmen und dann kriege ich eine erste Einschätzung, ob ich Hautkrebs habe oder nicht. Das ist, finde ich, ein wahnsinnig toller Service, den wir jetzt neu haben, den die Digitalisierung uns ermöglicht. Worauf wir in unserem Artikel aber auch echt viel Wert gelegt haben, sind die Chancen, die sich aus einer Datennutzung im Gesundheitswesen ergeben, indem wir Daten geeignet nutzen, um den Kundinnen und Kunden die nächstbeste medizinische Behandlung, die nächstbeste Aktion sozusagen empfehlen, kann man am Ende die Gesunderhaltung unterstützen, Kosten im Gesundheitswesen senken und die Beiträge einer privaten Krankenversicherung bezahlbar halten.

 

Dietmar Schmidt: Bezogen auf den Buchartikel jetzt noch zurückkommend, welche drei Kernthemen aus dem Buchartikel kann man denn dem Zuhörer jetzt als Anreiz geben, den Artikel dann auch zu lesen? Was wären so die drei Kernpunkte aus dem Buchartikel von euch?

 

Dr. Karsten Dietrich: Ich versuche es mit drei Worten: Win win win. Wenn es uns gelingt, datengetriebene Gesundheitsversorgung richtig hinzubekommen, dann haben Kundinnen und Kunden, das Kollektiv und die Versicherer was davon, am Ende die ganze Gesellschaft. Das haben wir versucht herauszuarbeiten in unserem Artikel. Wir haben aber auch versucht darzustellen, dass das heute auch aus Gründen der Regulatorik der Gesetzgebung noch gar nicht vollumfänglich möglich ist. Insofern ist noch ein Schritt zu gehen bis zum Win-win-win. Da haben wir was zu tun als Branche. Da hat der Gesetzgeber meines Erachtens was zu tun und unser Vertrieb unterstützt uns dabei.

 

Kai Kuklinski: Bei drei Stichworten würde ich sagen Ganzheitlichkeit, Transformation, Vision. Ganzheitlichkeit insofern es auf 20 Seiten möglich ist, in einem Artikel wirklich darauf zu schauen, wo wir stehen. Visionär oder Vision, mal aufzuzeigen, was alles möglich wäre, wenn wir denn abseits von regulatorischen Rahmenbedingungen wirklich über eine ganzheitliche Datennutzung sprechen könnten. Was da heute alles schon denkbar wäre und welche Rolle wir dabei spielen können. Die letzte Frage wäre natürlich an der Stelle, wie können wir diese Mehrwerte im Sinne von Sicherheit dann auch wirklich konkret beraten, ausspielen etc.. Ich finde, das ist gut für unser Geschäft, daher kleiner Spoiler, der Artikel lohnt sich zu lesen.

 

Dietmar Schmidt: Das hört sich schon spannend an und das ist nur der Anfang kann ich dazu sagen, weil ich habe eine Mege gelernt, als ich es gelesen habe. Ihr habt auch sehr viel internationale Erfahrung damit eingebracht, das muss man sagen. Wie weit hilft es euch denn dann, dass ihr internationale Daten, Trainingsdaten etc. verwenden könnt, um solche Use Cases, die schon in Deutschland gehen und an denen ihr arbeitet, dass sie noch besser werden und noch mehr Use Cases gehen.

 

Dr. Karsten Dietrich: Perspektivisch hilft sie uns auf jeden Fall. Heute tun wir das noch nicht. Wir haben aber ein Projekt oder auch eine Firma, die Digital Health Platform, die fällt heute mittlerweile unter Healthanea, die die Idee hat, internationale Gesundheitsdaten innerhalb der AXA Gruppe zusammenzubringen. Microsoft ist dort ebenfalls sozusagen investiert und involviert, nicht nur Daten zusammenzubringen, sondern auch gemeinsam, sozuagen die Autobahnen im Gesundheitswesen besser zu bauen, digital zu bauen und zwar komplett barrierefrei. Insofern glaube ich, dass wir da in der Datennutzung ein Riesenpotenzial, aber auch einfach in der Skalierung von Investitionsmöglichkeiten und von Manpower diese Prozesse zu bauen.

 

Dietmar Schmidt: Die Digital Health Journey, vielleicht kannst du, Kai, das mal ein bisschen beschreiben. In der Digital Society, wie wird das zukünftig sein?

 

Kai Kuklinski: Ja, ich beschreibe das an einem Beispiel, das Karsten vorhin auch schon angesprochen hat. Sei es jetzt zum Beispiel über ein Hautkrebsscreening per App oder den Symptom Checker. Ich habe eine bestimmte Meinung, ich kenne meinen Körper, fühle mich nicht wohl, kann dort mir eine Erstmeinung einholen über ein KI-basiertes Modell, bekomme dort eine Empfehlung für den nächsten Versorgungsschritt, vielleicht sogar dann im Zweifelsfalle die Empfehlung für den Absprung in den nächsten Versorgungspunkt, zum Beispiel ein telemedizinisches Angebot. Um von dort aus, wenn es denn zum Beispiel vielleicht mit einer Verordnung eines Heils- oder Hilfsmittels verbunden ist, dies dann auch konkret mit einem E-Rezept zu bekommen, auch schon zu beziehen und natürlich in die Abrechnungsperspektive zu kommen. Diese Fragmente sind heute alle schon da. Ich glaube, es geht jetzt genau um Skalierung. Es geht darum, noch mehr vorne auf der Präventionsseite zu tun und dann aber auch hinten im ganz hinteren Bereich, dort wo es vielleicht wirklich auch ganz schwerwiegende Fälle gibt. Auch das haben wir ja heute mit unserem Gesundheitsservice 360 Grad schon, auch vielleicht sogar chronisch Kranken auch Versorgungsschritte mit an die Hand zu geben, einen Gesundheitscoach, da wo auch menschliche Interaktion wichtig ist. Aber datenbasiert dann wirklich Mehrwerte auszuspielen und dabei zu helfen, dann auch in einer solchen schwierigen Situation, die bestmögliche Versorgung zu bekommen und zu organisieren.

 

Dietmar Schmidt: Die Gesundheitsdaten an sich, wenn man das noch ein bisschen weiter denkt, Karsten, fünf Jahre, wie könnte man die noch effektiver nutzen? Wir haben ja schon so Fragmente. Es gehen langsam die Use Cases zusammen. Was wären denn so die Ideen, die ihr da noch habt?

 

Dr. Karsten Dietrich: Ich glaube, wir haben technisch ein paar Hausaufgaben zu machen. Dateninfrastruktur, Datenerfassung und Datenverarbeitung. Aber den Hauptpunkt sehe ich in einem notwendigen Umdenken, insbesondere in der Politik. Wenn es um Datennutzung geht, denken wir zu allererst an Risiken und an Datenschutz. Das ist total richtig. Gesundheitsdaten sind hochsensibel. Wir reden viel zu wenig aber über Chancen, wenn wir zum Beispiel unsere Kundinnen und Kunden zielgerichtet daran erinnern, eine Krebsvor- oder -nachsorge zu machen, dann rettet Datennutzung im Extremfall Leben.

 

Dietmar Schmidt: Man muss ja auch nicht alle Daten immer sozusagen eins zu eins haben, sondern kann sie anonymisiert, pseudonymisiert verwenden. Es gibt ja verschiedene Ansätze dazu. Wenn man das ein bisschen vom Datenkranz noch erweitert, auch wieder in die Zukunft geschaut, hat man den privaten Krankenversicherungsanteil, den Gesetzlichen, der auch noch viel größer ist. Kann man da vielleicht noch was zu sagen? Wäre ja auch interessant, wenn man die Chancen sehen würde und wir würden jetzt mal so tun, als würde es nicht so viele Hürden da geben oder man findet Lösung dafür. Wäre das nicht gut, auch diese Daten außerhalb der internationalen Daten, die ihr ja schon verwenden könnt als Trainingsdaten, auch die gesetzlichen Daten aus der gesetzlichen Krankenkasse mit zu verwenden?

 

Kai Kuklinski: Weder macht Gesundheit oder Datennutzung an der Landesgrenze noch an einer vermeintlichen Systemgrenze halt. Warum nicht darüber nachdenken, wenn wir entsprechende Angebote haben? Wir haben ja auch viele Angebote, wo wir direkt in Bezug auf einen Kunden sogar ein geteiltes Risiko haben, nämlich ein gesetzlich Versicherter, der bei uns vielleicht ergänzt Zusatz versichert ist oder auf der betrieblichen Seite eines unserer Lösungsangebote haben. Dort auch Kooperationen oder auch Journeys entsprechend zu nutzen, Mehrwerte auszuspielen, kann ich mir persönlich sehr gut vorstellen, wenn ich jetzt mal alle sonstigen Systemgrenzen und datenschutzrechtlichen Grenzen einmal ausblende. Ich glaube, da können wir ganz, ganz viel mehr leisten, auch als private Krankenversicherung genau das auch ein Stück weit mit einzubringen und in Partnerschaft mit einzubringen.

 

Dietmar Schmidt: Die Digital Society sind Personen, sind Unternehmen, sind Gesellschaften und da sind nun mal alle drin. Ich kann sowohl auf der gesetzlichen Seite sein als auch auf der privaten Seite sein. Warum soll es diese Grenzen auf der Datenseite denn geben, wenn es denn zum Wohle der Gesundheit und am Ende der gesamten Versicherungswirtschaft ist?

 

Kai Kuklinski: Ich glaube, wenn wir den Kunden fragen würden, der würde sich das sogar genauso wünschen.

 

Dr. Karsten Dietrich: Denen ist das egal und vielleicht sollte man auch noch ergänzen, die technischen Voraussetzungen sind heute besser denn je. Durch Telematikinfrastruktur und einheitlichen Standards bei der elektronisch Patientenakte. Das ist normiert, das könnte eine Chance sein.

 

Dietmar Schmidt: Ich hoffe, ihr habt Laune und Spaß daran gehabt, wie der Content von der AXA hier aufbereitet worden ist. Es ist sehr viel Spannung drin, im Gesundheitsmarkt ist ein riesen Entwicklungsfaktor drin. Toll, wie ihr euch jetzt schon positioniert habt dazu und welche Insights ihr uns gegeben habt. Alles weitere dann im Artikel. Bis dann.